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Mythos Margarethenhöhe

Die Faszination der Margarethenhöhe hat viele Gründe: die Ausstrahlung des malerischen Ensembles, die enorme Beliebtheit bei ihren Bewohnern, das gelungene Gesamtkonzept. Der Ursprung des Mythos Margarethenhöhe liegt aber in der sozialen Vision einer weitblickenden Frau sowie eines Baumeisters, der diese in Stein umsetzen konnte.

Als sich Margarethe Krupp (1854-1931) zur Stiftung entschloss, war die Welt im Umbruch. Der Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft war in vollem Gange und betraf eine Stadt wie Essen natürlich ganz besonders. Die Wohnverhältnisse waren oft unwürdig, Klassendenken noch selbstverständlich. Mit der Umsetzung der Margarethenhöhe gelang eine zukunftsweisende Antwort auf drängende Probleme der Zeit – klassenübergreifend und mit einer Fortschrittlichkeit, die selbst heute noch erstaunt.

Den Beginn kennzeichnet jedoch eine Hochzeit. Am 15. Oktober 1906 heiratet in der Villa Hügel Bertha Krupp den Legationsrat Gustav von Bohlen und Halbach. Sogar der Kaiser war anwesend. An den Essener Oberbürgermeister Holle schreibt Margarethe Krupp: „Aus Anlass der Vermählung meiner Tochter Bertha will ich eine Stiftung errichten, die vor allem der Wohnungsfürsorge minderbemittelter Klassen dienen soll.“ Dazu zählten damals respektable Berufsgruppen wie Angestellter, Arbeiter oder Beamter.

Nach dem Tod ihres Mannes Friedrich Alfred Krupp (†1902) sah Margarethe Krupp ihre eigentliche Aufgabe in der Fortsetzung der Kruppschen Wohlfahrtspflege. So stattete sie ihre Stiftung 1906 mit einem Vermögen von 50 ha Grundbesitz und 1 Million Mark aus. Ein Jahr später überließ sie der Stadt Essen weitere 50 ha Wald. Er umschließt bis heute als unbebaubare Grünfläche das Stiftungsgelände. 1937 schenkten Bertha und Gustav Krupp von Bohlen und Halbach aus Anlass des 150jährigen Bestehens der Gussstahlfabrik weitere 15 ha Bauland.

Als Glücksgriff erwies sich die Auswahl des erst 34jährigen Georg Metzendorf. In 29 Bauabschnitten von 1909 bis 1934/38 errichtete er mit der ersten Gartenvorstadt Deutschlands ein Werk, das bis heute zu den Leitbildern des „Humanen Städtebaus“ zählt. Kleinste Einheit war das Klein-Wohnhaus, dessen Konzept er 1908 auf der „Hessischen Landesausstellung für freie und angewandte Kunst“ vorgestellt hatte. Ein Haus mit höchst innovativen Ausstattungsdetails: einer ökonomischen und wärmesparenden Raumaufteilung, einer Zentralheizung und – damals revolutionär – einem Badezimmer. Im Grundprinzip ähnlich, im Detail verschieden gestaltet, war jedes Haus individuell und doch Teil eines einheitlichen Erscheinungsbildes.

Topografisch ist die Siedlung perfekt der Landschaft angepasst. Sie besitzt eine maßvolle Verdichtung der Bebauung und ein durchdachtes Verkehrs- und Wegenetz.

Sie finden so auch Eingang in die Erweiterung der Margarethenhöhe in den Jahren 1962-1966 und 1971-1980. Nach Plänen von Dr. Wilhelm Seidensticker konstruiert, spricht die „neue“ Höhe eine andere Formensprache. Farbig gestaltete, hohe und langgestreckte Häuser sind von großzügigen Naturflächen umgeben und schließen den Entstehungsprozess der Margarethenhöhe auf der Basis des sozialen Wohnens ab.